Für die ersten 30 Kilogramm brauchten die vier Gründer eine Woche Handarbeit. Heute schafft ihre Anlage in Herzogenburg dieselbe Menge in fünf Minuten. Der Rohstoff ist ein Abfallprodukt, das die Obstverarbeitung zuvor verbrannt hat - und das ein Gift enthält.
Der Bauer aus der Wachau
Der Ausgangspunkt war ein Seminar an der Wirtschaftsuniversität Wien. Dort berichtete ein Landwirt aus der Wachau beiläufig von einem Problem seines Betriebs: Bei der Herstellung von Marmelade und Schnaps fallen tonnenweise Obstkerne an. Verwenden kann sie niemand, also werden sie verbrannt.
Für die meisten Zuhörer war das eine Randnotiz. Für Luca Fichtinger und Michael Beitl war es eine Rechnung: Wenn europaweit Steinobstkerne als Abfall anfallen und im Inneren jedes Kerns ein nährstoffreicher Samen sitzt, dann liegt dort ein Rohstoff, für den niemand etwas verlangt.
Vier Gründer, zwei Welten
Fichtinger und Beitl lernten sich im Studium an der WU kennen und arbeiteten dort an einem gemeinsamen Universitätsprojekt. Dazu kamen mit Sebastian Jeschko und Fabian Wagesreither zwei technische Mitgründer - ein studierter Maschinenbauer und ein Ingenieur aus der Praxis. Fichtinger und Jeschko kennen sich bereits aus der Schulzeit.
Diese Aufteilung erklärt, warum das Vorhaben nicht an der üblichen Stelle scheiterte. Das Geschäftsmodell war betriebswirtschaftlich schnell beschrieben, das eigentliche Problem war ein maschinenbauliches. Ohne zwei Techniker im Gründerteam wäre es bei der Idee geblieben.
2019 gründeten die vier die Kern Tec GmbH. Die Rollen sind bis heute klar verteilt: Beitl verantwortet den Vertrieb, Fichtinger die Geschäftsentwicklung, Jeschko Produkt- und Prozessplanung, Wagesreither die Produktion.
Das Gift im Kern
Es gibt einen Grund, warum Obstkerne trotz ihres Nährwerts nicht längst verwertet werden. Im Samen von Steinobst steckt Amygdalin, ein Pflanzenstoff, den der Körper zu Blausäure umwandelt. In entsprechender Menge ist das giftig.
Genau hier liegt die technische Leistung. Kern Tec entwickelte ein Verfahren, das die Kerne wäscht, trocknet und den verholzten Anteil vom nährstoffreichen Samen trennt - im Unternehmen „Kernspaltung“ genannt. Die Maschine, die das im industriellen Maßstab kann, gilt als weltweit einzigartig.
Die Extraktionsmethode selbst entstand 2018 im Anschluss an eine Weihnachtsfeier und ist bis heute ein gehütetes Betriebsgeheimnis. Fichtinger hat für den Umstand, dass ausgerechnet vier Anfänger das Problem lösten, eine bemerkenswert ehrliche Erklärung: „Unser Vorteil war unsere Naivität - uns waren die Probleme nicht bewusst, die andere davon abgehalten haben, es zu versuchen.“
Zehn Tonnen mit der Hand
Die Anfangsphase war Handarbeit im Wortsinn. Im ersten Jahr knackten die vier rund zehn Tonnen Kerne manuell, in einer Garage. Für die ersten 30 Kilogramm ging eine ganze Woche drauf.
Das ist die Phase, die in Gründerporträts gern romantisiert wird, tatsächlich aber die härteste Prüfung eines Geschäftsmodells ist: Man arbeitet monatelang zu einem Stundensatz, der jeden Betriebswirt abschrecken würde, um zu beweisen, dass das Produkt überhaupt herstellbar ist.
Herzogenburg: als die Maschine übernahm
2020 eröffnete die Produktion in Herzogenburg in Niederösterreich. Was vorher eine Woche dauerte, erledigt die Anlage heute in fünf Minuten. Seither wurden dort mehr als 1.500 Tonnen Obstkerne verarbeitet, insgesamt rund 50 Millionen Kerne.
Der Rohstoff kommt aus der Saft-, Marmeladen- und Schnapsproduktion in ganz Europa - also aus Betrieben, für die die Kerne bis dahin ein Entsorgungsposten waren. Das macht Kern Tec zu einem der greifbarsten österreichischen Beispiele für Kreislaufwirtschaft: kein Nebenprodukt, das man irgendwie noch verwertet, sondern ein Abfallstrom als eigentliche Rohstoffquelle.
Vom Öl zur Milchalternative
Das erste Geschäft war unspektakulär. Aus den Samen wurden Öle gepresst und als Handelsmarken an österreichische Rewe-Supermärkte geliefert - solide, aber margenschwach und ohne eigene Marke.
2022 kam der Schwenk zu Milchalternativen und damit zur eigenen Marke Wunderkern. Das Sortiment umfasst einen Kern-Drink als Milchersatz, einen Kakao-Drink, den veganen Käse Kesä sowie weiterhin Öle im Handelsmarkengeschäft. Rund 90 Prozent der Erlöse stammen inzwischen aus Milchersatzprodukten.
Das Verkaufsargument gegenüber Mandel- oder Haferdrinks ist dabei nicht nur der Geschmack. Mandeln für europäische Pflanzendrinks kommen überwiegend aus Kalifornien und Spanien und brauchen erhebliche Mengen Wasser. Marillenkerne aus der Wachau fallen ohnehin an.
Zwölf Millionen Euro und der Weg ins Regal
Im Herbst 2023 sammelte Kern Tec in einer Series-A-Runde zwölf Millionen Euro ein. 2022 hatte das Unternehmen erst 1,1 Millionen Euro umgesetzt - die Bewertung basierte also klar auf dem Potenzial der Technologie, nicht auf den laufenden Erträgen.
Das Geld floss in den Weg in die Regale, und der ist inzwischen weit gediehen: Listungen in rund 900 Billa-Filialen, dazu dm und Mpreis in Österreich, Coop in der Schweiz und eine Kooperation mit der 136 Jahre alten deutschen Privatmolkerei Bauer. Dass ausgerechnet eine traditionsreiche Molkerei auf pflanzliche Alternativen aus Obstkernen setzt, ist die aussagekräftigste Bestätigung des Konzepts.
Sieben Länder, nächster Halt USA
Aktuell exportiert das Unternehmen in sieben Länder, die Vereinigten Staaten sind als nächster Markt geplant. Beschäftigt sind rund 25 Personen, altersmäßig nah an den Gründern.
Bemerkenswert an der Konstruktion ist, dass sie in beide Richtungen funktioniert. Die Obstverarbeiter sparen Entsorgungskosten, Kern Tec bekommt Rohstoff zu einem Preis, den kein Mandelanbauer unterbieten kann. Solange das so bleibt, hat das Unternehmen einen Kostenvorteil, der sich nicht ohne Weiteres wegkonkurrieren lässt.
Häufige Fragen zu den Kern-Tec-Gründern
Wer hat Kern Tec gegründet?
Michael Beitl, Luca Fichtinger, Sebastian Jeschko und Fabian Wagesreither gründeten das Unternehmen 2019. Fichtinger und Beitl lernten sich im Studium an der WU Wien kennen, Jeschko und Wagesreither kamen als technische Mitgründer dazu.
Wie ist die Idee zu Kern Tec entstanden?
Bei einem Seminar an der WU Wien berichtete ein Landwirt aus der Wachau, dass bei der Marmeladen- und Schnapsherstellung tonnenweise Obstkerne anfallen, die verbrannt werden.
Sind Marillenkerne nicht giftig?
Roh enthalten Steinobstkerne Amygdalin, das der Körper zu Blausäure umwandelt. Kern Tec hat ein Verfahren entwickelt, das die Kerne wäscht, trocknet und den verholzten Teil vom Samen trennt. Die Extraktionsmethode entstand 2018 und ist Betriebsgeheimnis.
Was stellt Kern Tec her?
Unter der Marke Wunderkern einen Kern-Drink als Milchalternative, einen Kakao-Drink und den veganen Käse Kesä, dazu Öle als Handelsmarken. Rund 90 Prozent der Erlöse kommen aus den Milchersatzprodukten.
Wo bekommt man Wunderkern-Produkte?
In Österreich in rund 900 Billa-Filialen sowie bei dm und Mpreis, in der Schweiz bei Coop. Zusätzlich besteht eine Kooperation mit der deutschen Privatmolkerei Bauer. Exportiert wird in sieben Länder.
Wie viel Kapital hat Kern Tec aufgenommen?
Im Herbst 2023 zwölf Millionen Euro in einer Series-A-Runde. Im Jahr davor lag der Umsatz bei 1,1 Millionen Euro.