Prewave Gründer - Lisa Smith und Harald Nitschinger

Prewave durchsucht täglich Millionen Meldungen in mehr als 400 Sprachen und überwacht damit rund 1,3 Millionen Zulieferbetriebe - für BMW, Lufthansa, Ferrari und über 200 weitere Großkunden. Die Technologie dahinter stammt aus einer Dissertation über Hafenstreiks in Indonesien. Und das Gesetz, das dem Unternehmen den Markt bescherte, wurde inzwischen von Brüssel entschärft.

Zwei Schulkollegen von der Spengergasse

Lisa Smith und Harald Nitschinger kennen sich seit 2002. Sie lernten sich am ersten Schultag an der HTL Spengergasse in Wien kennen, lange bevor einer von beiden an ein Unternehmen dachte.

Danach trennten sich die Wege fachlich. Smith blieb in der Informatik und begann an der TU Wien mit einem Doktorat in Wirtschaftsinformatik, Schwerpunkt maschinelles Lernen für Lieferketten. Nitschinger studierte International Management an der FH Joanneum in Graz und ging in den Vertrieb. Diese Rollenteilung hat das Unternehmen bis heute geprägt: Forschung und Produkt auf der einen Seite, Enterprise-Vertrieb auf der anderen.

Nitschinger beschreibt seinen Teil als Handwerk mit begrenzter Systematik: Enterprise-Software-Sales sei eher Kunst als Wissenschaft. Wer Software an Konzerne verkauft, weiß, warum dieser Satz stimmt - Entscheidungswege über mehrere Ebenen, Pilotprojekte, Einkaufsabteilungen.

Die Dissertation über indonesische Hafenstreiks

Der inhaltliche Ursprung von Prewave liegt in Smiths Forschungsarbeit, die sie 2012 am Institut für Softwaretechnik und Interaktive Systeme der TU Wien begann. Ihre Frage: Lassen sich Risiken in Lieferketten aus neuen Datenquellen erkennen, bevor sie im offiziellen Meldewesen auftauchen?

Bei mehreren Aufenthalten in Indonesien beobachtete sie Ereignisse wie Hafenstreiks und Unruhen - und analysierte parallel, wie diese Vorfälle in indonesischen sozialen Medien abgebildet wurden. Der Befund war die Geschäftsidee: Ein Streik im Hafen von Jakarta steht auf Twitter und in Lokalmedien, oft Tage bevor er den Einkauf eines europäischen Konzerns erreicht. Man muss ihn nur finden, verstehen und richtig zuordnen - in einer Sprache, die im Einkauf niemand spricht.

Daraus wurde die Prewave Prediction Engine, eine Kombination aus maschineller Sprachverarbeitung und maschinellem Lernen, deren Modelle in vielen Sprachen trainiert werden und sich fortlaufend selbst verbessern.

September 2016: das Abendessen

Die Entscheidung, daraus ein Unternehmen zu machen, fiel im September 2016 bei einem gemeinsamen Abendessen der beiden. 2017 wurde Prewave als Spin-off der TU Wien gegründet. 2019 kam eine aws-Seedfinanzierung dazu, mit der Österreich Unternehmen im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie fördert.

Der Weg von der Dissertation zum Konzernlieferanten ist damit kürzer beschrieben als er war. Zwischen dem ersten Modell und BMW als Kunden liegen Jahre, in denen ein Forschungsprototyp zu einer Software werden musste, die ein Einkaufsleiter im Tagesgeschäft benutzt.

Was die Software tatsächlich tut

Die Plattform durchkämmt öffentlich zugängliche Quellen: Nachrichtenportale, soziale Netzwerke, Behördenseiten, Lokalmedien. Erkannt werden über 150 verschiedene Arten von Risikoereignissen - von Umweltverstößen über Arbeitsrechtsverletzungen und Streiks bis zu Werksschließungen und Insolvenzen.

Dazu kommt ein Nachhaltigkeits-Screening, das Lieferanten und Investitionsprojekte rückwirkend über bis zu zehn Jahre auf ökologische und soziale Risiken prüft. Der praktische Nutzen liegt weniger in der Erkennung selbst als in der Zuordnung: Aus einer Meldung in indonesischer oder mandarinsprachiger Lokalpresse muss die Software ableiten, welcher konkrete Zulieferbetrieb betroffen ist und welcher Kunde ihn in seiner Kette hat. Genau das ist die technische Kernleistung.

Für Unternehmen ist das nicht bloß ein Werkzeug für nachhaltige Unternehmensführung, sondern seit einigen Jahren eine Rechtspflicht.

Wie schnell so ein System praktischen Nutzen stiftet, zeigte sich zu Beginn des Ukraine-Kriegs: Prewave konnte indirekte Lieferabhängigkeiten sichtbar machen und Kunden dabei helfen, systemische Risiken zu umgehen. Betroffen waren Unternehmen, die keinen einzigen direkten Lieferanten in der Region hatten - aber Vorlieferanten ihrer Vorlieferanten.

Vom Frühwarnsystem zum Maßnahmenkatalog

Eine Warnung allein löst kein Problem. Genau daran hat sich das Produkt über die Jahre entlanggearbeitet. Lisa Smith beschreibt die Entwicklung als Weg „von reinem Risikomonitoring zu einer Lösung, die eine umfassende Risikoanalyse ermöglicht, bis hin zur Lösung der erkannten Risiken“.

Praktisch heißt das eine abgestufte Reaktion: Bei geringem Risiko digitale Sensibilisierungsschulungen für eine breite Lieferantenbasis, bei ernsten Fällen ressourcenintensive Vor-Ort-Audits und Lieferantenzertifizierungen. Für diese Stufen arbeitet Prewave mit Partnern wie Löning Human Rights, PwC, der Rainforest Foundation und dem TÜV Süd zusammen.

Verkauft wird das als klassische Unternehmenssoftware im Abo: Kunden zahlen eine jährliche Nutzungsgebühr, deren Höhe sich nach der Zahl der analysierten Lieferanten und der Nutzer im Unternehmen richtet.

Das Gesetz, das den Markt schuf

Deutschland setzte zum 1. Jänner 2023 das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz in Kraft, das Unternehmen ab 1.000 Beschäftigten verpflichtet, Menschenrechts- und Umweltrisiken bei ihren Zulieferern zu ermitteln und zu adressieren. Dazu kamen die EU-Entwaldungsverordnung und die europäische Lieferkettenrichtlinie CSDDD.

Für einen Anbieter, der genau diese Ermittlung automatisiert, war das ein Konjunkturprogramm. Die Gründer sprachen selbst von enormer Nachfrage. Wer als Konzern plötzlich nachweisen muss, was bei seinen Zulieferern in dritter Ebene passiert, kauft Software - und zwar schnell.

63 Millionen Euro von Hedosophia

Bemerkenswert daran ist, wie kurz zuvor die Einschätzung eine völlig andere war. Smith erinnerte sich 2022 an die Gespräche der Jahre davor: „Vor zwei bis vier Jahren haben viele Investoren gemeint ‚mit Nachhaltigkeit lässt sich im B2B-Markt kein Geld verdienen‘. Heute ist der Nachhaltigkeitsbereich besonders im Bezug auf das Lieferkettengesetz einer unserer stärksten Geschäftsfelder.“

Ab dann ging es in Halbjahresschritten. Im November 2022 sammelte Prewave elf Millionen Euro in einer Series A ein, angeführt von Ventech und der dänischen Kompas VC, mit seed + speed Ventures, Speedinvest und Segnalita an Bord. Im Mai 2023 kamen 18 Millionen Euro von Creandum dazu, jenem schwedischen Investor, der auch Spotify und Klarna früh finanziert hatte. Im Juni 2024 folgte die Series B über 63 Millionen Euro, angeführt von der britischen Investmentgesellschaft Hedosophia, mit dem aws Gründerfonds, Creandum und Ventech unter den bestehenden Investoren - die zweitgrößte österreichische Finanzierungsrunde im ersten Halbjahr 2024.

Die operativen Zahlen passten dazu: 2023 verdreifachte sich der Umsatz, die Belegschaft wuchs von 65 Personen im Jahr 2022 auf über 200 im Jahr 2024. Für ein Venture-Capital-finanziertes Unternehmen ist das genau das Muster, auf das Investoren setzen.

Als Brüssel das Gesetz entschärfte

Dann drehte sich der regulatorische Wind. Im Februar 2025 legte die Europäische Kommission mit dem sogenannten Omnibus-I-Paket ein Vereinfachungsvorhaben vor, das die Lieferkettenrichtlinie sowohl zeitlich verschob als auch inhaltlich abschwächte.

Das Ergebnis steht seit 26. Februar 2026 im Amtsblatt: Die CSDDD gilt künftig nur noch für Unternehmen mit mehr als 5.000 Beschäftigten und über 1,5 Milliarden Euro Jahresumsatz, anzuwenden erst ab 26. Juli 2029. Die Mitgliedstaaten haben bis 26. Juli 2028 Zeit für die Umsetzung. In Deutschland stellte das BAFA bereits im Herbst 2025 die Prüfung der Unternehmensberichte ein und sanktioniert nur noch schwere menschenrechtliche Verstöße.

Für Prewave bedeutete das eine unangenehme Rechnung: Ein erheblicher Teil des Nachfragedrucks kam aus einer Compliance-Pflicht, die kleiner wurde, kaum dass sie richtig zu wirken begonnen hatte.

Sommer 2025: acht Prozent weniger Personal

Im Sommer 2025 baute das Unternehmen rund acht Prozent der Belegschaft ab, etwa 20 Stellen. Kurz zuvor hatte Prewave insgesamt 67 Millionen US-Dollar an Finanzierung eingesammelt. Das ist die Konstellation, die in der Branche regelmäßig missverstanden wird: Nicht fehlendes Kapital führt zum Abbau, sondern eine Wachstumsplanung, die auf einer Nachfrage aufsetzte, die sich verändert hat.

Jänner 2026: neue Rollen, neues Produkt

Ende Jänner 2026 machte Prewave die Konsequenzen offiziell. Harald Nitschinger übernahm die alleinige Geschäftsführung. Lisa Smith schied aus der operativen Führung aus, blieb Aufsichtsratsvorsitzende und konzentriert sich seither auf den öffentlichen Sektor. Ihre Begründung ist bemerkenswert präzise: Lieferketten seien zu Instrumenten des Einflusses in internationalen Machtkonflikten geworden.

Parallel wurde das Produkt umgebaut - vom reaktiven Frühwarnsystem hin zu einer Entscheidungsplattform mit tieferer Durchleuchtung der Lieferantenebenen und Szenarioplanung. Statt zu melden, was passiert ist, soll die Software durchspielen, was passieren könnte.

Dass die Richtung stimmt, bestätigte zumindest der Markt: 2026 wurde Prewave im Gartner Magic Quadrant als Leader geführt. Ob sich ein Geschäftsmodell, das auf einer Gesetzespflicht groß wurde, ohne diese Pflicht ebenso trägt, ist die offene Frage der nächsten Jahre. Für international tätige Unternehmen sind Lieferkettenrisiken schließlich auch dann teuer, wenn sie niemand vorschreibt.

Lisa Smith hat den Rat, den sie Gründerinnen und Gründern gibt, selbst beherzigt: „Man sollte sich zu Beginn der Reise gründlich Gedanken über das Problem machen, das man mit seinem Startup bearbeiten will. Die Lösung dieses Problems sollte einem persönlich am Herzen liegen.“ Bei ihr waren es zehn Jahre Forschung an genau dieser Frage, bevor das erste Rechnungsformular gedruckt wurde.

Häufige Fragen zu den Prewave-Gründern

Wer hat Prewave gegründet?

Lisa Smith und Harald Nitschinger. Die beiden kennen sich seit 2002 von der HTL Spengergasse in Wien, entschieden sich im September 2016 zur Gründung und starteten Prewave 2017 als Spin-off der TU Wien.

Woher stammt die Technologie von Prewave?

Aus Lisa Smiths Dissertation, die sie ab 2012 an der TU Wien schrieb. Sie untersuchte, wie sich Lieferkettenrisiken aus sozialen Medien erkennen lassen, und beobachtete dafür in Indonesien Hafenstreiks und Unruhen und deren Abbildung in lokalen Netzwerken.

Was macht Prewave genau?

Die Software durchsucht täglich Millionen öffentlicher Meldungen in über 400 Sprachen und erkennt mehr als 150 Arten von Risikoereignissen bei rund 1,3 Millionen Zulieferbetrieben - von Streiks über Umweltverstöße bis zu Insolvenzen. Kunden sind über 200 Großunternehmen, darunter BMW, Lufthansa und Ferrari.

Wie viel Kapital hat Prewave aufgenommen?

Insgesamt rund 67 Millionen US-Dollar. Die größte Runde war die Series B über 63 Millionen Euro im Juni 2024 unter Führung der britischen Hedosophia, die zweitgrößte österreichische Finanzierungsrunde im ersten Halbjahr 2024.

Warum hat Prewave 2025 Stellen abgebaut?

Weil die EU mit dem Omnibus-I-Paket ab Februar 2025 die Lieferkettenrichtlinie verschob und abschwächte. Sie gilt nun erst ab Juli 2029 und nur noch für Unternehmen ab 5.000 Beschäftigten. Im Sommer 2025 baute Prewave rund acht Prozent der Belegschaft ab, etwa 20 Stellen.

Wer führt Prewave heute?

Seit Jänner 2026 ist Harald Nitschinger alleiniger CEO. Lisa Smith ist Aufsichtsratsvorsitzende und verantwortet den Ausbau des Geschäfts mit dem öffentlichen Sektor.

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