Im ersten Geschäftsjahr 2013 verkaufte woom 287 Fahrräder, zusammengebaut in einer Wiener Garage. 2025 waren es 390.000 Räder und 149 Millionen Euro Umsatz. Dazwischen liegen zwei Jahre, in denen das Unternehmen 37 Millionen Euro verlor - und der Moment, in dem die beiden Gründer die Führung abgaben.
Der Prototyp war vier Jahre vor der Firma da
Die offizielle Gründungsgeschichte beginnt 2013. Die tatsächliche Arbeit am Produkt beginnt 2009. In diesem Jahr entwickelte der Wiener Industriedesigner und Medizintechniker Christian Bezdeka gemeinsam mit dem Industriedesigner Sebastian Rahs ein durchdachtes Kinderfahrrad-System: fünf aufeinander abgestimmte Radgrößen vom Laufrad bis zum Allroundbike, dazu ein Rücknahmekonzept für gebrauchte Räder. Das Austria Wirtschaftsservice förderte die beiden im Programm Impulse XL.
Rahs wurde später Gesellschafter des Unternehmens. In der Markenerzählung von woom taucht er nicht auf - dort stehen zwei Namen. Das ist keine Verfälschung, sondern die übliche Verkürzung: Aus einem Designprojekt wurde erst ein Unternehmen, als jemand dazukam, der es verkaufen konnte.
Zwei Väter, die kein brauchbares Kinderrad fanden
Dieser Jemand war Marcus Ihlenfeld. Die beiden lernten sich 2011 über ein berufliches Projekt kennen. Ihlenfeld hatte als Marketingleiter bei Opel gearbeitet und brachte mit, was einem Designprojekt üblicherweise fehlt: Vertrieb, Markenaufbau, Erfahrung mit Serienprodukten.
Der Rest der Ausgangslage war deckungsgleich. Beide fuhren leidenschaftlich Rad, beide hatten Söhne im passenden Alter, beide standen vor demselben Problem. Die verfügbaren Kinderräder waren entweder verkleinerte Erwachsenenräder oder schwere Stahlkonstruktionen, Ergonomie für kindliche Proportionen kam darin nicht vor.
„Wir sind beide Fahrradenthusiasten und wollten für unsere Söhne Räder kaufen, die den kindlichen Proportionen und dem Fahrverhalten von Kindern gerecht werden. Weil keines zu finden war, bauten wir es selbst“, fassen die beiden es zusammen. Die lange Fassung ist, dass Bezdeka sich in die Anatomie von Kindern einarbeitete und daraus eigene Größentabellen ableitete - die Grundlage für alles, was danach kam.
40 Räder aus einer Garage, dann 287
2012 bauten die beiden rund 40 Räder in Marcus Ihlenfelds Garage. Sie waren sofort ausverkauft. Am 12. März 2013 unterzeichneten sie die Satzung, zunächst noch unter dem Firmennamen Polyphem GmbH. Im ersten Jahr gingen 287 Räder über die Garageneinfahrt, und rund 200 Kindern brachten die Gründer das Radfahren gleich auf der Straße davor bei.
Zusammengeschraubt wurde nachts, neben den Hauptjobs. Die Ehefrauen der beiden arbeiteten Vollzeit weiter und finanzierten damit die Anfangsphase mit - ein Lehrbuchfall von Bootstrapping, lange bevor Investoren ins Spiel kamen.
Auch der Markenname stammt aus dem Kinderzimmer: „woom“ ist das Geräusch, mit dem Bezdekas Kinder vorbeifahrende Autos nachahmten. Das Logo ist als Ambigramm gestaltet, also in jeder Ausrichtung lesbar - eine praktische Entscheidung, damit beim Aufkleben nichts schiefgehen kann.
Warum das erste woom-Rad 40 Prozent leichter war
Der technische Kern der Marke ist schnell erklärt: Rahmen, Kurbeln, Lenker und Anbauteile werden eigens für Kinderhände und Kinderkraft entwickelt, und jedes überflüssige Gramm wird bekämpft. Die ersten serienmäßigen woom-ORIGINAL-Räder wogen bis zu 40 Prozent weniger als übliche Kinderräder.
Aus dem ursprünglichen Größensystem ist inzwischen eine ganze Modellfamilie geworden: die Laufräder WOW und GO, das Allroundbike EXPLORE, die Mountainbikes OFF und OFF AIR, das E-Mountainbike UP und das Stadtrad NOW, dazu seit 2019 eine Bekleidungslinie. Abgedeckt wird die Spanne von 18 Monaten bis 14 Jahren.
Betriebswirtschaftlich steckt darin eine Entscheidung, die viele Gründer anders treffen: woom verzichtete auf hohe Margen am Einzelrad und setzte stattdessen auf Qualität und Service. Die Rechnung geht über das Größensystem auf. Wer beim ersten Laufrad einsteigt, kauft im Lauf der Kindheit oft drei oder vier weitere Räder derselben Marke. Der Kundenwert entsteht über Jahre, nicht über den ersten Verkauf.
Von Klosterneuburg nach Texas
2014 baute Mathias Ihlenfeld, der Bruder des Mitgründers, woom USA in Austin, Texas auf. 2015 zog das Unternehmen nach Klosterneuburg und benannte sich von Polyphem in woom GmbH um. 2016 war die Marke in zehn Ländern erhältlich.
2018 waren mehr als 80.000 Räder verkauft, und die Designpreise stapelten sich: Red Dot Award, German Design Award, iF Design Award, Good Design Award. Später kamen der German Innovation Award 2021 für das woom UP und der Österreichische Staatspreis Marketing 2024 dazu.
2021 lief das 500.000ste woom-Rad vom Band und wurde im Technischen Museum Wien ausgestellt, das woom ORIGINAL wurde in die Designsammlung des MAK aufgenommen - Meilensteine, die die Marke in eine Reihe mit den bekanntesten österreichischen Erfolgsgeschichten stellten. Im selben Jahr wurden die österreichische und die US-Gesellschaft unter der Holding Onewoom GmbH zusammengeführt. In mehr als 30 Ländern präsent, verkaufte woom allein in den USA 45.000 Räder pro Jahr. Über die ersten zehn Jahre lag die durchschnittliche Wachstumsrate bei rund 50 Prozent jährlich.
Wer bei woom mitverdient
2020 holten sich die Gründer Kapital ins Haus. Bregal, das Family Office der Familie Brenninkmeyer und damit der Eigentümer von C&A, stieg gemeinsam mit Runtastic-Mitgründer Florian Gschwandtner und dem Business Angel Stefan Kalteis ein. Die Gruppe übernahm knapp ein Drittel der Gesellschaftsanteile, die Mehrheit blieb zunächst bei den Gründern.
Anfang 2023 kam die Hongkonger Jebsen Group über Jebsen Capital mit rund 15 Prozent dazu. Im Mai 2023 übernahm Kasper Rørsted den neu geschaffenen Beiratsvorsitz - der Däne war bis 2022 CEO von Adidas und davor acht Jahre lang Vorstandsvorsitzender von Henkel.
Heute halten Christian Bezdeka und Marcus Ihlenfeld je 18,7 Prozent. Größter Einzelgesellschafter ist mit 33,2 Prozent ein luxemburgischer Fonds der Bregal-Gruppe.
Februar 2022: die Gründer geben ab
Anfang Februar 2022 zogen sich Marcus Ihlenfeld und Christian Bezdeka aus der operativen Geschäftsführung zurück. Sie blieben als Beirat und Miteigentümer an Bord und konzentrierten sich auf Vision, langfristige Strategie und Produktentwicklung.
Ihlenfelds Begründung in der damaligen Aussendung ist einer der ehrlichsten Sätze, die man von einem Gründer zu diesem Thema hört: „Es ist wichtig, beizeiten loszulassen. Sonst würden wir noch in der Garage Räder schrauben.“
Bezdeka formulierte es aus seiner Perspektive: „Ich freue mich darauf, wieder Fahrräder zu entwerfen, die Kinder für das Radfahren begeistern.“ Die neue Führung bildete ein Trio aus Mathias Ihlenfeld als CEO, Paul Fattinger als CFO und Martin Bartmann als COO. Ab 1. Juni 2023 führte Fattinger das Unternehmen allein.
37 Millionen Euro Verlust in zwei Jahren
Dann kam die Rechnung für den Pandemie-Boom. Wie die gesamte Fahrradbranche hatte woom während der Corona-Jahre eine außergewöhnlich hohe Nachfrage erlebt und die Kapazitäten entsprechend hochgefahren. Als die Nachfrage einbrach, blieben die Lager voll - Kapital, das in Ware gebunden ist und nicht mehr für den laufenden Betrieb zur Verfügung steht. Wie schnell das ein gesundes Unternehmen in Schieflage bringt, zeigt der Cash-Flow deutlicher als jede Umsatzzahl.
| Jahr | Umsatz | Ergebnis | Mitarbeiter (Ø) |
|---|---|---|---|
| 2022 | rund 120 Mio. Euro | – | – |
| 2023 | 112 Mio. Euro | -21 Mio. Euro | 240 |
| 2024 | 116 Mio. Euro | -16 Mio. Euro | 205 |
| 2025 | 149 Mio. Euro | +4,1 Mio. Euro (EBITDA) | – |
Die Überbestände wurden im Lauf des Jahres 2024 schrittweise abgebaut, Rabattaktionen auf ein normales Maß zurückgefahren. Die Belegschaft schrumpfte im Schnitt von 240 auf 205 Personen, in Österreich waren Ende 2024 noch 167 Vollzeitkräfte beschäftigt. Im selben Jahr verlegte das Unternehmen seinen Sitz von Klosterneuburg zurück nach Wien.
Erschwerend kam die Insolvenz des deutschen Fertigers Sprick Cycle dazu, der im polnischen Świebodzin rund 20 bis 25 Prozent der woom-Gesamtproduktion übernommen hatte.
Im Oktober 2024 übernahm Bernd Hake die Geschäftsführung. Er hatte zuvor unter anderem bei Red Bull und als Chief Sales Officer bei der Hugo Boss AG gearbeitet. Paul Fattinger verließ das Unternehmen nach drei Jahren einvernehmlich.
Wie der Turnaround funktioniert hat
Der Kern der Sanierung war eine Preisentscheidung. „Seit 2023 nehmen wir Abstand von Rabattaktionen. Die Preisstabilität hilft natürlich besonders dem Fachhandel“, sagt Hake. Der zweite Hebel war die Logistik: Statt getrennter Lager für Händler und Direktkunden liefert woom heute beide aus einem einzigen Lager, wodurch Bestände binnen Stunden umgewidmet werden können.
Dahinter steht eine Abkehr vom reinen Direktvertrieb. Rund die Hälfte des Umsatzes läuft über den Fachhandel, in Deutschland, dem größten Markt, ist es etwa die Hälfte. Hakes Begründung: „Der Fachhandel bedeutet Vertrauen.“ Eine persönliche Beratung könne kein Onlineshop ersetzen, Händler seien deshalb „die perfekten Markenbotschafter“.
Die Zahlen geben ihm vorerst recht. 2025 setzte woom 149 Millionen Euro um, ein Plus von 27 Prozent gegen den Branchentrend, bei einem EBITDA von 4,1 Millionen Euro. Verkauft wurden 390.000 Fahrräder und 140.000 Helme. Besonders deutlich wuchs das Geschäft in Großbritannien (plus 120 Prozent) und Nordeuropa (plus 101 Prozent), die DACH-Region legte um 41 Prozent zu.
Im ersten Halbjahr 2026 setzte sich das fort: 107 Millionen Euro Umsatz, ein Plus von 19 Prozent, knapp 300.000 Räder und über 100.000 Helme, dazu ein deutlich positives Ergebnis. Für die zweite Jahreshälfte 2026 ist ein neues E-Bike-Modell angekündigt. Seit der Gründung hat woom mehr als zwei Millionen Räder verkauft.
Wo die Räder gebaut werden
Entwickelt und gestaltet wird in Wien, produziert wird überwiegend in Asien. Rahmen und Komponenten kommen aus Bangladesch, Vietnam und Kambodscha - darin unterscheidet sich woom nicht von den meisten Fahrradherstellern. Nach dem Ausfall von Sprick baut das Unternehmen die europäische Fertigung aus: Ein neuer Montagepartner in Portugal ist an Bord, eine weitere Produktion in Litauen ist angelaufen.
Die Marktposition, die daraus entstanden ist, lässt sich in einem Satz zusammenfassen. In Österreich ist jedes zweite Kinderfahrrad ein woom, in Deutschland jedes vierte. „Wir sind Marktführer bei Rädern für Kinder bis 8 Jahre und verkaufen viermal soviel Räder wie Puky“, sagt Hake.
Was Ihlenfeld und Bezdeka heute machen
Operativ sind die beiden Gründer längst woanders. Mit poptop bauen sie in Traiskirchen südlich von Wien Kindermöbel. Kern des Sortiments ist ein höhenverstellbarer Kinderschreibtisch samt Lichtsystem und passendem Sessel. Geschäftsführer ist John Brady, seit 2025 ist Fußballer Thomas Müller als Investor beteiligt.
Daneben geben sie ihre Erfahrung als Berater weiter: Über die Plattform soundslikeaplan.com können Gründerinnen und Gründer Beratungstermine bei ihnen buchen.
Das Muster wiederholt sich also: eine Produktkategorie, in der Kinder bislang verkleinerte Erwachsenenware bekommen, und der Versuch, sie konsequent vom Kind her neu zu denken. Ob das ein zweites Mal funktioniert, ist offen. Die Ausgangslage ist jedenfalls komfortabler als 2012 in der Garage.
Häufige Fragen zu den woom-Gründern
Wer hat woom gegründet?
Der Industriedesigner und Medizintechniker Christian Bezdeka und der frühere Opel-Marketingleiter Marcus Ihlenfeld. Sie unterzeichneten die Satzung am 12. März 2013 in Wien, nachdem sie 2012 rund 40 Prototypen in Ihlenfelds Garage gebaut hatten. Die Produktentwicklung reicht bis 2009 zurück, damals arbeitete Bezdeka mit dem Industriedesigner Sebastian Rahs an einem Kinderfahrrad-System.
Gehört woom noch den Gründern?
Nur zum Teil. Bezdeka und Ihlenfeld halten je 18,7 Prozent. Der größte Anteil liegt mit 33,2 Prozent bei einem luxemburgischen Fonds der Bregal-Gruppe, zusätzlich ist die Jebsen Group aus Hongkong mit rund 15 Prozent beteiligt.
Sind die woom-Gründer noch im Unternehmen tätig?
Nicht operativ. Im Februar 2022 zogen sich beide aus der Geschäftsführung zurück und wechselten in den Beirat. CEO ist seit Oktober 2024 Bernd Hake, davor bei Red Bull und Hugo Boss.
Wie viele Räder verkauft woom?
2025 waren es 390.000 Fahrräder und 140.000 Helme. Seit der Gründung 2013 hat das Unternehmen mehr als zwei Millionen Räder verkauft. In Österreich ist jedes zweite Kinderfahrrad ein woom.
Warum machte woom Verluste?
Nach dem Fahrradboom der Pandemiejahre brach die Nachfrage ein, während die Lager voll waren. 2023 stand ein Verlust von 21 Millionen Euro zu Buche, 2024 einer von 16 Millionen. 2025 kehrte das Unternehmen mit 4,1 Millionen Euro EBITDA in die Gewinnzone zurück.
Woher kommt der Name woom?
Von dem Geräusch, mit dem Christian Bezdekas Kinder vorbeifahrende Autos nachahmten. Das Logo ist als Ambigramm gestaltet und damit in jeder Ausrichtung lesbar.