Sonnentor Gründer - Johannes Gutmann

1988 war Johannes Gutmann 23 Jahre alt und arbeitslos. Er begann, im Waldviertel Bio-Kräuter von Bauernhof zu Bauernhof einzusammeln und auf Märkten zu verkaufen. Im Geschäftsjahr 2025/26 setzte das daraus entstandene Unternehmen 67,5 Millionen Euro um - vom selben 100-Einwohner-Dorf aus.

Drei Bauernfamilien, die ihm vertrauten

Die Ausgangslage war denkbar ungünstig. Ein junger Mann ohne Anstellung, ohne Kapital, in einer strukturschwachen Region, mit einer Produktidee, für die es Ende der Achtzigerjahre kaum einen Markt gab. Biologische Landwirtschaft war damals eine Nische, keine Handelskategorie.

Was Gutmann hatte, war Zugang. Drei Bauernfamilien schenkten ihm Vertrauen und lieferten ihm ihre Kräuter: die Familie Bauer, Kurt Kainz und eine Bäuerin, die im Unternehmen bis heute als „Oma Zach“ geführt wird. Aus diesen drei Lieferbeziehungen wurde die Grundlage eines Netzwerks, das heute Bauern in mehreren Ländern umfasst.

Dass diese Namen 35 Jahre später noch in der Unternehmensgeschichte stehen, ist selbst ein Teil des Geschäftsmodells - bei einem Anbieter, dessen Verkaufsargument die Herkunft ist, sind die ersten Lieferanten kein Detail, sondern Beleg.

Der Gute-Laune-Tee

1989 kam das erste eigene Produkt, der „Gute Laune Tee“. Der Name sagt viel über die Positionierung: kein botanischer Fachbegriff, keine Wirkversprechen, sondern ein Alltagsgefühl. Diese Sprache zieht sich bis heute durch das Sortiment und ist ein wesentlicher Grund, warum die Marke im Regal erkennbar ist.

1990 stand Sonnentor erstmals auf der BioFach, der internationalen Leitmesse für Biolebensmittel. Für einen Kleinbetrieb aus dem Waldviertel war das der Schritt vom Bauernmarkt in den Handel.

Sprögnitz, 100 Einwohner

Die folgenreichste Entscheidung fiel 1992. Gutmann kaufte ein altes Bauernhaus in Sprögnitz, einem Ort mit rund hundert Einwohnern, und verlegte den Betrieb im November dorthin. Die eigene Familie war skeptisch.

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht war die Skepsis berechtigt. Ein Standort ohne Autobahnanschluss, ohne Arbeitsmarkt in der Nähe, ohne Kundschaft im Umkreis widerspricht praktisch allen üblichen Kriterien der Standortwahl.

Er wurde zum Markenkern. Ein Anbieter von Waldviertler Bio-Kräutern, der seinen Sitz nach Wien verlegt, verliert genau das, wofür ihn Kunden bezahlen. Gleichzeitig stellte Gutmann in Sprögnitz von Beginn an bewusst auf Strom aus Wind- und Sonnenenergie um - zu einem Zeitpunkt, als das noch keine Marketingabteilung verlangte.

Wie aus einem Betrieb ein Ausflugsziel wurde

1994 eröffnete in umgebauten Räumen die erste Hofgreißlerei, ein eigener Laden am Produktionsstandort. 2006 folgte das Sonnentor-Erlebnis mit Betriebsführungen und Kräuterwanderweg.

Heute gehören zum Standort ein Bio-Restaurant namens Leibspeis, Gästezimmer, ein Kinderzentrum, ein Biodiversitätshof und ein Walderholungsgebiet. Ein Kräuterbetrieb ist damit auch ein touristisches Ziel geworden.

Der Effekt ist doppelt: Zusatzerlöse vor Ort und, wichtiger, ein Marketinginstrument, das keine Werbung schlägt. Wer den Betrieb besucht hat, kauft die Produkte anders als jemand, der nur die Verpackung kennt. Für Unternehmen mit Nachhaltigkeitsanspruch ist die begehbare Produktion die glaubwürdigste Form des Nachweises.

Hallen, die Namen haben

Die Bauphasen des Standorts lassen sich an den Lagerhallen ablesen - und daran, wie sie heißen. 1996 entstand die erste, „Kreuz & Quer“. Es folgten „RundHerum“, „WeltWeit“ und „Halle-luja“.

2022 kam mit „HimmelHoch“ der bislang größte Bau dazu: ein Hochregallager aus Holz, 3.000 Quadratmeter groß, 19 Meter hoch, mit 9.000 Palettenplätzen - in dieser Bauweise einzigartig in Österreich. Ein Hochregallager in Holz statt in Stahlbeton zu errichten, ist teurer und aufwendiger. Es ist aber auch die einzige Variante, die zur eigenen Erzählung passt.

Sinnmaximierung statt Gewinnmaximierung

Gutmann fasst seine Unternehmensphilosophie in einer Formel zusammen, die er seit Jahren wiederholt: Sinnmaximierung statt Gewinnmaximierung. Das ließe sich als Werbespruch abtun, wäre es nicht überprüfbar gemacht.

Sonnentor erstellt alle zwei Jahre eine Gemeinwohl-Bilanz nach den Grundsätzen der Gemeinwohl-Ökonomie, extern auditiert und öffentlich einsehbar. Bewertet wird darin, wie das Unternehmen mit Lieferanten, Beschäftigten, Kunden und dem gesellschaftlichen Umfeld umgeht - also all das, was in einer klassischen Bilanz nicht vorkommt.

Der Unterschied zu üblichen Nachhaltigkeitsberichten liegt in der Prüfung durch Dritte. Selbst geschriebene Berichte kosten wenig und sagen entsprechend wenig aus.

67,5 Millionen Euro

Im Geschäftsjahr von April 2025 bis März 2026 erwirtschaftete Sonnentor rund 67,5 Millionen Euro Umsatz, ein Plus von zehn Prozent. Das tschechische Schwesterunternehmen legte um elf Prozent zu, ein weiteres besteht in Rumänien. Vertrieben werden die Produkte in rund 50 Länder, im Geschäftsjahr 2022/23 beschäftigte die Gruppe rund 544 Personen.

Zweistelliges Wachstum in einem Lebensmittelsegment, das insgesamt unter Preisdruck steht, ist bemerkenswert. Es zeigt, dass die Regionalitäts- und Bio-Positionierung nach über drei Jahrzehnten nicht abgenutzt ist - anders als bei vielen Marken, die dasselbe Versprechen erst spät entdeckt haben.

Was die Geschichte für Gründer zeigt

Sonnentor ist kein Startup und war nie eines. Es gab keine Finanzierungsrunde, keinen Exit-Plan und kein skalierbares Plattformmodell. Gewachsen ist das Unternehmen aus dem eigenen Cashflow, über 35 Jahre, von drei Lieferanten auf ein internationales Netz.

Die beiden Entscheidungen, die im Rückblick am meisten getragen haben, waren zum Zeitpunkt ihrer Umsetzung die unvernünftigsten: der Aufbau eines Bio-Sortiments, als Bio kein Markt war, und ein Firmensitz in einem Dorf mit hundert Einwohnern. Beides ergab erst Sinn, nachdem der Markt nachgezogen war. Unter den österreichischen Erfolgsgeschichten ist das die geduldigste.

Häufige Fragen zu Sonnentor und Johannes Gutmann

Wer hat Sonnentor gegründet?

Johannes Gutmann, geboren 1965 in Zwettl, gründete das Unternehmen 1988 im Alter von 23 Jahren. Er war zu diesem Zeitpunkt arbeitslos und begann damit, Bio-Kräuter von Waldviertler Bauernhöfen einzusammeln und auf Märkten zu verkaufen.

Wo hat Sonnentor seinen Sitz?

In Sprögnitz im Waldviertel, einem Ort mit rund hundert Einwohnern. Gutmann kaufte dort 1992 ein altes Bauernhaus und verlegte den Betrieb dorthin - gegen die Skepsis der eigenen Familie.

Wie hoch ist der Umsatz von Sonnentor?

Im Geschäftsjahr April 2025 bis März 2026 rund 67,5 Millionen Euro, ein Plus von zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr. Vertrieben wird in etwa 50 Länder.

Was war das erste Produkt von Sonnentor?

Der „Gute Laune Tee“ aus dem Jahr 1989. Ein Jahr später stand das Unternehmen erstmals auf der internationalen Biofachmesse BioFach.

Was bedeutet Sinnmaximierung statt Gewinnmaximierung?

Es ist Gutmanns Formel für die Unternehmensführung. Überprüfbar gemacht wird sie durch eine Gemeinwohl-Bilanz, die alle zwei Jahre erstellt, extern auditiert und veröffentlicht wird.

Kann man Sonnentor besuchen?

Ja. Am Standort Sprögnitz gibt es seit 1994 eine Hofgreißlerei und seit 2006 Betriebsführungen samt Kräuterwanderweg, dazu ein Bio-Restaurant, Gästezimmer, ein Kinderzentrum und einen Biodiversitätshof.

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