fiskaly Gründer - Johannes Ferner, Simon Tragatschnig und Patrick Gaubatz

In über einer Million Kassensystemen in Europa läuft Software aus dem siebten Wiener Bezirk. Gegründet wurde das Unternehmen dahinter 2019 von drei Leuten - und zwar auf eine Technologie, für die es zu diesem Zeitpunkt noch gar keine Zulassung gab.

Österreich hatte das Problem drei Jahre früher

Wer verstehen will, warum ausgerechnet drei Wiener diese Marktlücke sahen, muss ein paar Jahre zurückgehen. In Österreich gilt die Registrierkassen- und Belegpflicht seit 1. Jänner 2016. Seit 1. April 2017 muss zusätzlich jeder Barumsatz über eine Signaturerstellungseinheit digital signiert und mit einem QR-Code am Beleg ausgewiesen werden.

Diese Signaturerstellungseinheit war in der Praxis: eine Signaturkarte plus ein Kartenlesegerät. Also wieder Hardware, an jeder Kasse, mit Zertifikaten, die ablaufen. Österreichische Kassenanbieter und ihre Kunden kannten den Aufwand seit Jahren aus erster Hand, als Deutschland dieselbe Logik ein zweites Mal aufsetzte.

Die Verordnung, aus der ein Geschäftsmodell wurde

Seit dem 1. Januar 2020 schreibt die deutsche Kassensicherungsverordnung vor, dass jede elektronische Registrierkasse mit einer zertifizierten technischen Sicherheitseinrichtung ausgestattet sein muss, kurz TSE. Sie signiert jede einzelne Transaktion kryptografisch und speichert sie unveränderbar. Zertifiziert werden muss sie vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik.

Der Markt reagierte darauf so, wie Märkte auf Hardware-Vorschriften meistens reagieren: mit Hardware. Die TSE kam als USB-Stick oder SD-Karte, einmalig rund 100 bis 300 Euro pro Kasse, offlinefähig, physisch zu stecken und zu warten. Bei einer Handelskette mit dreihundert Filialen bedeutet das dreihundert Steckmodule, die jemand tauschen muss, wenn sie ablaufen.

„Die Idee entstand 2019, als sich Deutschland auf die neuen Vorschriften zur Kassensicherheit vorbereitete. Wir sahen, dass der Markt noch sehr hardwarelastig war“, beschreibt Johannes Ferner den Ausgangspunkt.

Die Wette auf eine Technologie, die es noch nicht gab

Genau hier setzten die drei Gründer an. Ihre These: Eine Sicherheitseinrichtung, die kryptografisch signiert, muss nicht an der Kasse stecken. Sie kann in der Cloud laufen, per Schnittstelle angebunden, ohne ein einziges Bauteil vor Ort.

Das Problem an dieser These war 2019 ihr rechtlicher Status. Eine Cloud-Lösung musste dieselbe BSI-Zertifizierung durchlaufen wie ein Hardwaremodul, und dieser Prozess war noch nicht abgeschlossen. Die erste zertifizierte Cloud-Variante überhaupt kam im September 2020 von der Deutschen Fiskal gemeinsam mit der Bundesdruckerei-Tochter D-TRUST, allerdings mit kurzer Laufzeit. fiskaly erhielt seine Zertifizierung nach TR-03153 am 28. Mai 2021 - als einzige Cloud-TSE mit der vollen fünfjährigen Zertifikatslaufzeit.

Anders gesagt: Die drei gründeten ein Unternehmen auf ein Produkt, dessen Zulassungsfähigkeit sich erst zwei Jahre später bestätigen sollte. Wer damals bereits Kunden gewinnen wollte, musste sie von etwas überzeugen, das es formal noch nicht gab.

Ein CEO, ein COO, ein CTO

Das Gründungstrio teilte sich die Rollen von Beginn an klar auf: Johannes Ferner als CEO, Simon Tragatschnig als COO und Patrick Gaubatz als CTO. Die technische Seite ist dabei akademisch besetzt - Tragatschnig ist Diplomingenieur, Gaubatz promovierter Informatiker.

Gestartet wurde 2019 zu dritt und selbstfinanziert. 2020 kam ein Angel-Investment dazu, größere Beteiligungen folgten erst Jahre später, als das Geschäftsmodell längst trug. Das ist für ein regulatorisch getriebenes Produkt ungewöhnlich: Üblicherweise brauchen Zertifizierungsprozesse Kapital, bevor der erste Euro Umsatz fließt. fiskaly finanzierte den Weg dorthin weitgehend aus eigener Kraft und gab erst Anteile ab, als die Skalierung anstand.

Das Wachstum lässt sich an der Belegschaft ablesen: von drei auf 36 Beschäftigte in zweieinhalb Jahren, dann auf über 90, heute über 120. Verarbeitet wurden bis 2025 mehr als sechs Milliarden Transaktionen.

Ferners Leitsatz, den er bei der Auszeichnung zum EY Entrepreneur Of The Year 2025 formulierte, passt zur Ausgangslage: „Nur wer mutig neue Wege geht, kann ganze Branchen verändern und Maßstäbe schaffen.“

Was fiskaly tatsächlich verkauft

Das Kernprodukt heißt SIGN und übernimmt die gesetzlich vorgeschriebene digitale Signatur jeder Transaktion. Dazu kommen digitale Belege als Ersatz für den Papierbon, eine Archivierungslösung und der fiskaly HUB, über den Filialisten ihre Standorte zentral verwalten.

Verkauft wird nicht an die Wirtin oder den Filialleiter, sondern an die Ebene darüber: an Kassensystemanbieter und an große Handelsketten. Zu den Partnern zählen orderbird, Lightspeed und SumUp. Deren Kunden bekommen die Fiskalisierung mitgeliefert, ohne je den Namen fiskaly zu sehen. Das ist der Grund, warum ein Unternehmen mit über einer Million angebundener Kassen im Publikum weitgehend unbekannt ist.

Technisch ist der Ansatz konsequent API-first: eine Schnittstelle, über die sich die Anbindung automatisieren lässt, statt eines Geräts, das jemand physisch installiert. Für die digitale Buchhaltung im Handel ist das der Unterschied zwischen einem Rollout in Wochen und einem in Monaten.

Fünf Länder, fünf Regelwerke

Begonnen hat fiskaly in Österreich, wo die Registrierkassenpflicht schon länger galt. Es folgten Deutschland als größter Markt, 2023 Spanien, danach Italien und Frankreich. Mit dem Zukauf in Schweden kommt ein sechster Markt dazu. Zusätzlich ist die E-Rechnungs-Lösung in Deutschland und Belgien live.

Jeder dieser Märkte bringt ein eigenes Regelwerk mit eigenen Zertifizierungen mit. Ferner nennt das offen als Hauptproblem: „Unsere größte Herausforderung ist die Skalierung in einem stark regulierten Umfeld.“ Regulatorische Prozesse dauerten regelmäßig länger als geplant. Die Antwort darauf ist eine einheitliche Schnittstelle, über die ein internationaler Händler alle Länder mit einer Integration abdeckt, statt fünf einzelne Projekte zu fahren.

Juni 2024: Verdane steigt ein

Am 10. Juni 2024 beteiligte sich der europäische Wachstumsinvestor Verdane als Minderheitsgesellschafter, investiert wurde aus dem 1,1 Milliarden Euro schweren Fonds Freya XI. Die genaue Summe blieb vertraulich und wurde nur als Spanne zwischen 20 und 250 Millionen Euro angegeben.

Die Kennzahlen zum Zeitpunkt des Einstiegs zeigen, warum ein Investor hier zugriff: über zehn Millionen Euro wiederkehrende Erlöse im Vorjahr, mehr als 800 B2B-Kunden, über 500.000 angebundene Kassen und Lastspitzen von bis zu 850 Transaktionen pro Sekunde.

Der Zukauf, der die Geschichte rund macht

Im März 2025 übernahm fiskaly die DF Deutsche Fiskal GmbH, eine Tochter der GK Software SE. Es ist derselbe Anbieter, der 2020 gemeinsam mit D-TRUST die allererste zertifizierte Cloud-Lösung für die Kassensicherungsverordnung auf den Markt gebracht hatte. Fünf Jahre nach dem Start als Herausforderer kaufte fiskaly den ursprünglichen Vorreiter.

Wirtschaftlich war das ein Cash-Deal, finanziert aus vorhandenen Rücklagen und etwas Fremdkapital, ohne Änderung der Gesellschafterstruktur. Strategisch schloss er eine Lücke: Die Deutsche Fiskal war im großflächigen Filialhandel stark, während fiskaly seine Kunden traditionell unter den modernen Kassenherstellern hatte. Ferner sprach von einer perfekten Ergänzung und davon, dadurch in ein neues Marktsegment zu kommen. Die Marke Deutsche Fiskal blieb bestehen, Geschäftsführer wurde Martin Breidenbach.

Die Zahl, die den Zukauf erklärt, ist eine andere: Über 90 Prozent der wiederkehrenden Erlöse kamen zu diesem Zeitpunkt aus Deutschland. Wer in einem Markt so dominant ist, wächst dort nur noch über Segmente, die er bisher nicht bedient hat.

Im Dezember 2025 folgte der zweite Zukauf des Jahres: InfraSec Sweden AB, eine cloudbasierte Lösung für Mehrwertsteuer-Compliance und bis dahin Tochter des schwedischen Kassenanbieters Yabie. Ferner ordnet den Schritt so ein: „Diese Übernahme ist ein bedeutender Meilenstein auf unserem Weg, Europas führender Anbieter digitaler VAT-Compliance-Lösungen zu werden.“

Die Richtung ist damit klar: weg von der reinen Fiskalisierung, hin zu allem, was rund um Umsatzsteuer und Belegpflichten digital abgewickelt werden muss.

Der nächste Markt heißt E-Rechnung

Der Grund, warum fiskaly gerade jetzt in Richtung Mehrwertsteuer-Compliance ausbaut, steht im EU-Amtsblatt. Am 11. März 2025 beschloss der Rat der EU die Richtlinie „VAT in the Digital Age“, kurz ViDA, in Kraft getreten am 14. April 2025.

Der entscheidende Termin darin ist der 1. Juli 2030: Ab dann wird die elektronische Rechnung für innergemeinschaftliche B2B-Umsätze verpflichtend, samt digitaler Meldepflicht in nahezu Echtzeit. Der zugrunde liegende Standard EN 16931 definiert dafür ein einheitliches Datenmodell. Bis Januar 2035 müssen die bestehenden nationalen E-Rechnungssysteme darauf harmonisiert werden.

Für Unternehmen in der EU heißt das: Was heute bei der Registrierkasse gilt, gilt in wenigen Jahren für jede Rechnung. Für einen Anbieter, der bereits fünf nationale Fiskalisierungsregime beherrscht, ist das dieselbe Aufgabe in größerem Maßstab - und genau der Grund für die beiden Zukäufe. fiskalys E-Rechnungslösung läuft bereits in Deutschland und Belgien.

Scale-up des Jahres 2026

Im Januar 2026 wurde fiskaly beim EY Scale-up Award als Scale-up des Jahres ausgezeichnet. Bewertet wurde aus über 330 Einreichungen von einer 87-köpfigen Fachjury entlang von sechs Dimensionen, darunter Geschäftsmodell, Umsetzungsstärke und finanzielle Gesundheit.

Der Stand heute: mehr als 1.600 B2B-Kunden, über eine Million angebundene Kassensysteme, mehr als 120 Beschäftigte aus 25 Nationen, profitabel. Ferners Ansage zur Auszeichnung fiel entsprechend knapp aus: Man werde das Wachstum weiter beschleunigen, vollständig durch Europa expandieren und in Märkte jenseits der europäischen Grenzen vorstoßen.

Bis 2030 will fiskaly der führende Cloud-Fiskalisierungsanbieter Europas sein. Bemerkenswert an dem Weg dorthin ist weniger die Wachstumsrate als die Ausgangswette: Ein Gesetz, das Hardware nahelegte, wurde zum Markt für ein Unternehmen, das keine verkauft.

Häufige Fragen zu den fiskaly-Gründern

Wer hat fiskaly gegründet?

Johannes Ferner (CEO), Simon Tragatschnig (COO) und Patrick Gaubatz (CTO) gründeten das Unternehmen 2019 in Wien. Gestartet wurde zu dritt und selbstfinanziert.

Was macht fiskaly genau?

Das Unternehmen liefert cloudbasierte Fiskalisierung: Jede Kassentransaktion wird gesetzeskonform digital signiert und archiviert, ohne dass ein Hardwaremodul an der Kasse steckt. Kunden sind Kassensystemanbieter und große Handelsketten, nicht die Endbetriebe.

Warum war die Cloud-Lösung ein Risiko?

Bei der Gründung 2019 war noch keine Cloud-TSE vollständig zertifiziert. Die erste Zertifizierung überhaupt erfolgte im September 2020, fiskaly erhielt seine am 28. Mai 2021 - als einzige Cloud-TSE mit voller fünfjähriger Laufzeit.

Wem gehört fiskaly?

Seit Juni 2024 ist der europäische Wachstumsinvestor Verdane als Minderheitsgesellschafter beteiligt, investiert aus dem Fonds Freya XI. Die Investitionssumme wurde nicht veröffentlicht.

In welchen Ländern ist fiskaly aktiv?

Österreich, Deutschland, Spanien, Italien und Frankreich, mit der Übernahme von InfraSec kommt Schweden dazu. Die E-Rechnungs-Lösung läuft in Deutschland und Belgien.

Wie groß ist fiskaly?

Über 1.600 B2B-Kunden, mehr als eine Million angebundene Kassensysteme und über 120 Beschäftigte aus 25 Nationen. Das Unternehmen arbeitet profitabel und wurde 2026 als EY Scale-up des Jahres ausgezeichnet.

Was hat die Registrierkassenpflicht mit fiskaly zu tun?

Sie ist die Geschäftsgrundlage. In Österreich gilt die Registrierkassen- und Belegpflicht seit 1. Jänner 2016, die Signaturpflicht seit 1. April 2017. Deutschland zog zum 1. Jänner 2020 mit der Kassensicherungsverordnung nach. Beide Regelwerke verlangen eine zertifizierte Signatur jeder Transaktion - genau das liefert fiskaly, nur ohne Hardware.

Warum ist fiskaly kaum bekannt, obwohl es über eine Million Kassen bedient?

Weil es an Kassensystemanbieter und Handelsketten verkauft, nicht an einzelne Betriebe. Wer eine Kasse von orderbird, Lightspeed oder SumUp nutzt, bekommt die Fiskalisierung mitgeliefert, ohne den Namen dahinter je zu sehen.

Weitere Gründerporträts